Depression – Eine Diagnose mit vielen Gesichtern

Sommer 2022. Ein Gewicht, das sich auf meinen ganzen Körper legt. Kurz fühlt es sich wie die Umarmung eines alten Freundes an. Doch dann öffnet sich das große schwarze Loch vor mir. Der Boden unter meinen Füßen wird mir weggerissen. Ich falle und falle. Eine Schwere liegt auf meinem ganzen Körper. Meine Gedanken werden immer langsamer. Es fühlt sich an, als wäre mein Gehirn nicht mehr in der Lage, meinem Körper Befehle zu geben. Ich muss aufs Klo. Nach langem Überlegen, entscheide ich, diesem Drang nachzugehen. Ich will aufstehen, aber meine Beine gehorchen mir nicht. Und es ist mir egal. Meine Umgebung fühlt sich unwirklich an. Als ob sie nicht wirklich da wäre. Oder als ob ich in einer anderen Welt wäre, die nichts mit meiner realen Umgebung zu tun hat. Geräusche und andere Sinneseindrücke sind irgendwie verschwommen. Dumpf. Alles fühlt sich sinnlos an. Auch der Gang zum Klo. Warum sollte ich meinen Körperbedürfnissen nachgehen, wenn eh alles so egal ist. Existiere ich überhaupt noch? Und wenn ja, warum eigentlich? Nichts macht Sinn. Alles ist unglaublich anstrengend. Selbst der Gedanke, dass nichts Sinn macht. 

Ich weiß, dass ich aus diesem Zustand wieder rauskommen kann. Eine leise Stimme in meinem Kopf erinnert mich daran. Ich war schon so oft da, dass ich ungefähr weiß was mir hilft. Und gleichzeitig will ich gerade nicht. Ich weiß, dass ich gerade noch ein bisschen in diesem Zustand verharren will oder muss. Ich weiß, dass es einen Grund gibt, dass ich mich gerade so fühle. Und ich realisiere, dass mir dieser taube Es-ist-mir-alles-egal-Zustand gerade hilft. Dass ich meinen unglaublich starken emotionalen Schmerz gerade nicht aushalten würde, wenn er ungebremst auf mich treffen würde. Die Depression, so beschissen sie sich anfühlt, hilft mir gerade dabei, diesen Schmerz auzuhalten.

Nicht immer hat sich meine Depression hilfreich angefühlt. Das schwarze Loch, das mich daran gehindert hat, schöne Dinge in meinem Leben zu tun und zu genießen. Das schwarze Loch, das mir manchmal den Glauben daran genommen hat, dass ich die Fähigkeit habe, glücklich zu sein.

Ich habe sehr lange gebraucht, um einen konstruktiven Umgang mit meiner Depression zu finden. Heute kann ich sagen, dass sie ein Teil von mir ist, der seine Berechtigung hat. Trotzdem wünschte ich mir natürlich, dass bestimmte Dinge erspart geblieben wäre. Und in vielen Momenten beneide ich die Menschen, die sich nie mit diesem dunklen tiefen Loch herumschlagen mussten. Gleichzeitig kann ich mittlerweile dankbar sein, dankbar für all die Lektionen, die mich meine Depression gelehrt hat. All die Erfahrungen, die ich ohne meine Depression nicht gemacht hätte. Ich bin nicht meine Depression, sie definiert nicht, wer ich bin. Und doch ist sie ein Teil von mir.

Die Frage, die mein Leben verändert hat, war “Glauben Sie, dass Sie es verdienen, dass es Ihnen besser geht? Dass sie glücklich sein dürfen?”. In dem Moment, als mir die Frau in der Krisenintervention diese Frage stellte, konnte ich sie nicht mit “Ja”  beantworten. Ein Grund dafür waren viele Schuld- und Schamgefühle. Es hat lange gedauert, bis ich geschafft habe, diese Schuldgefühle zu hinterfragen und abzuschütteln. Und ab dem Moment habe ich langsam daran geglaubt, dass ich es verdiene, dass es mir gut oder zumindest besser gehen darf. Dass ich auch ein Recht habe, in meinem Leben glücklich zu sein. 

Diese Reise ist noch nicht abgeschlossen, und es gibt immer mal wieder Rückschläge, Phasen, in denen sich das schwarze Loch wieder vor mir öffnet. Mittlerweile weiß ich, dass diese Rückschläge immer weniger werden. Ich kann heute besser auf mich aufpassen als früher. Das hilft mir recht früh zu merken, wenn sich wieder eine depressive Episode ankündigt. Ich kann heute über meine Depression und all die hässlichen Gedanken, die damit hochkommen, reden. Ich habe wundervolle Freundinnen, die mich halten, wenn das schwarze Loch mal wieder nach mir greift und die verstehen, dass dann manche für einfache Dinge, keine Kraft habe.

Depression ist eine Diagnose mit vielen Gesichtern. Jeder Mensch erlebt seine Depression anders1. Manche Menschen schlafen extrem viel, manche fast gar nicht. Manche Menschen haben gar keinen Hunger und nehmen sehr stark ab, während andere Menschen genau das Gegenteil erleben. Bei manchen Menschen rasen die Gedanken, bei anderen werden sie so langsam und zäh, dass es sich unmöglich anfühlt, irgendetwas zu denken. Vielen Menschen fällt es schwer, sich zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen. Die meisten Menschen mit Depression können sich nicht mehr über Dinge freuen, die sie sonst begeistert hätten. Oft ist die Fähigkeit, sich zu freuen – zumindest zeitweise – ganz abwesend. Viele Menschen fühlen sich erschöpft. Oft werden starke Schuldgefühle empfunden. Der eigene Wert und teilweise auch der Wert des Lebens an sich wird in Frage gestellt. Dies kann bis hin zu Suizidgedanken, -absichten oder -plänen führen. 

Wenn ich in meinen Freund*innen-Kreis schaue, bin ich Eine unter vielen. Nicht alle nennen das, was sie erleben Depression, manche sprechen von Burn-out, andere von Erschöpfung oder einer komischen Trauerphase. Die Anzahl von Personen, die an Depressionen leiden, wird auf 3.8-9.2%2 geschätzt. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist nicht klar. Denn: In unserer Gesellschaft ist es immer noch tabuisiert, in Therapie zu gehen und sich einzugestehen, dass man mit seiner psychischen Gesundheit kämpft. Bevor ich das erste Mal mit einer Freundin über meine Depression gesprochen habe, war da sehr viel Angst vor Verurteilung. Angst davor, mein Gegenüber zu überfordern. Angst, als verrückt und unnormal abgestempelt zu werden und dadurch vielleicht sogar eine Freundinnenschaft zu verlieren. Doch: Je mehr ich darüber mit Menschen rede, desto klarer wird mir, dass das der einzige Weg ist. Wir müssen mehr über Depressionen und psychische Gesundheit im Allgemeinen reden. Und gleichzeitig weiß ich, wie groß die Überwindung beim ersten Mal war. Das erste Mal aussprechen: “Ich kämpfe mit einer Depression. Ich brauche Hilfe.” Die ungläubigen Augen meiner Freundin, die hauptsächlich meine funktionierende, arbeitsame Seite kannte. Die mir erst nicht glauben wollte und mir dann erzählte, dass sie auch mit Depressionen kämpft. 

In unserer Gesellschaft ist der Leistungsgedanke allgegenwärtig. Ich bin, was ich leiste. Lange habe ich mich damit identifiziert. Meine Identität über meine Arbeit in politischen Gruppen definiert. Doch was passiert, wenn ich nicht mehr Leisten kann? Wer bin ich dann? Bin ich dann überhaupt noch ein wertvoller Teil der Gesellschaft? Habe ich dann noch ein Recht zu existieren? So absurd diese Gedanken vielleicht klingen mögen, jedes Mal, wenn ich eigentlich nicht mehr konnte, kamen sie. Wenn ich schon so sehr überarbeitet war, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Die anderen brauchen mich. Ich muss mich weiter durchbeißen. Was bin ich noch wert, wenn ich nichts mehr tue und den ganzen Tag schlafe und mit meiner Depression kämpfe? 

In einer Gesellschaft, in der Leistung und Konsum das Maß aller Dinge sind, verheizen wir die (psychische) Gesundheit von Menschen. In einer Gesellschaft, in der das Individuum, der*die Einzelne, für alles selbst verantwortlich ist, geraten die “Schwächsten” schnell unter die Räder. Doch: Eigentlich zeigen diese Personen, wo genau unser System krankt. Ich bin mir ganz sicher, dass alle Menschen – nicht nur Menschen, die wie ich mit Depressionen kämpfen – unter dem vorherrschenden Leistungsdruck und der Individualisierung leiden. Und dass wir zu einem ‘Guten Leben’ für alle nur kommen, wenn wir eine solidarische und gerechtere Gesellschaft aufbauen. Eine Gesellschaft, wo Wohlstand in Freizeit und Spaß gemessen wird. Eine Gesellschaft, in der Kooperation statt Konkurrenz gelebt wird. Eine Gesellschaft, in der wir kapitalistische und andere problematische Muster zusammen durchbrechen. 

  1. Dies folgende Auflistung von Symptomen und Erleben stammt aus Gesprächen mit Freund*innen und meinem Wissen aus Literaturrecherche und meinem Studium. Ich benutze dafür oft als erste  Quelle zur Orientierung das DSM V. Das DSM  V ist das Diagnose Manual für psychische Erkrankung in den USA und wird von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft  herausgegeben. 

    Mehr Infos zu den offiziellen Diagnosekriterien im deutschsprachigen Raum kann man im  ICD 10 nachlesen. Allerdings stammt der Ursprungstext des ICD 10 aus den 80er und 90er Jahren und ist damit deutlich älter als das DSM V.  Damit spiegelt es in vielen Bereichen nicht mehr den aktuellen Stand der Forschung wider. 

    Zusätzlich empfinden nicht alle Personen die offiziellen Diagnosekriterien als hilfreich und/oder zutreffend. ↩︎
  2. Die Zahlen variieren sehr stark je nach Quelle und Kulturkreis. Die hier genannten Zahlen stammen von einem Fact Sheet der WHO von 2021 und den Ergebnissen der European Health Interview Survey von 2019.

    World Health Organization: Depression. September 2021. Abrufbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression [13. April 2022]
    Ulfert Hapke, Caroline Cohrdes, Julia Nübel: Depressive Symptomatik im europäischen Vergleich – Ergebnisse des European Health Interview Survey (EHIS). Journal of Health Monitoring. 2019 4(4).

    Robert Koch Institut, Berlin 2019. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_04_2019_Depressive_Symptomatik_DE_EU.pdf?__blob=publicationFile [13. April 2022] ↩︎

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